Auszug

25. Kapitel (1968)

SACHSEN SIND DEUTSCHE HOCHZWEI

"Saksa" Finnisch für: Deutschland

 

Sächsische Patrioten: oh, gäbe es doch mehr davon! Gerade weil Sachsentum und Patriotismus unvereinbar scheinen, gerade deshalb ist diese Mischung nötig. Heute nötiger denn je. Sächsischer Patriotismus. Das heißt: ein wenig Stolz auf diese Landschaft Obersachsen, wo es immer mehr uneheliche Kinder gegeben hat als im Durchschnitt Deutschlands und auch mehr Selbstmorde, aber weniger Opfer der akuten Blinddarmentzündung, des Totschlags oder Mordes. Wo es weder Deutschlands größte Seen gibt noch breiteste Ströme noch größte Inseln, und wo es dennoch dreimal soviel Schwimmvereinsmitglieder pro Kopf gab als in allen anderen deutschen Landen.

Ein Schuß Patriotismus täte allen Sachsen gut, nicht Chauvinismus und nicht Nationalismus, nein schlichter Stolz auf die Patria, aufs Vaterland - ein Wort, das ein Deutscher leider kaum mehr in den Mund nehmen darf, viel weniger noch ein Sachse.

Und da liegt der Sachse begraben. Er hat so lange harmlose Fehler gemacht und dafür heftige Prügel bezogen, bis er sich selbst gar nichts mehr zutraute. Zweihundert Jahre lang zog er durch deutsche Lande wie ein deutscher Linksintellektueller durch eine afrikanische Diktatur: voller Schuldkomplexe für Dinge, die er gar nicht verschuldet hat.

Dem Sachsen, dem "Fußkranken der Völkerwanderung", fehlt seit zwei Jahrhunderten Selbstbewußtsein. Seit zwei Jahrhunderten versucht er, es wiederzugewinnen. Durch politisches Brausein oder - wenn es nichts nutzt - durch politische Dickköpfigkeit. Wie ein kleines Kind. Wie jeder Mensch, der anerkannt werden will.

Deshalb haben sich die Sachsen auch in den letzten Jahren nicht verändert. Ebensowenig wie die Bayern, die über einen Mangel an Selbstbewußtsein noch nie zu klagen hatten. Ebensowenig wie die Berliner, denen es gelang, die politische Macht, die sie einst besaßen und dann verloren, wenigstens in politisches Prestige umzuwerten, das sie früher nicht besaßen, wohl aber heute. Ebensowenig wie die Rheinländer, die immer so sehr in sich ruhten, daß kein anderer sie aus der Ruhe bringen konnte.

Die Sachsen haben nur seit ein paar Jahren versucht, nicht mehr nur auf dem bewährten Weg aus der eigenen Misere herauszukommen. Dadurch, daß sie sich wieder anpaßten, wie es bei ihnen seit Jahrzehnten Tradition ist. Im Osten an den Kommunismus und im Westen an die Demokratie. Sie haben auch den anderen Weg probiert. Sie haben aufgemuckt. Im Westen gegen die gesamtdeutsche Einschläferei und im Osten gegen das Nicht-ernst-genommen-Werden überhaupt.

Und weil sie zum erstenmal eine Chance hatten, politisch wieder für voll genommen zu werden, deshalb haben sie sie genutzt. Die Chance bot ihnen der Untergang ihres ernstesten Widersachers durch fast zwei Jahrhunderte, der Untergang Preußens. Die Sachsen nutzten diese Gelegenheit. Seit 1945 herrschen zum erstenmal in der deutschen Geschichte nicht Preußen über Sachsen, sondern Sachsen über Preußen. Und das bedeutet mehr als nur den Stoff für den treffenden Witz "Die DDR ist die sächsische Rache an Preußen".

Das verwirrt. Und zwar die dessen ungewohnten Sachsen ebensosehr wie alle dadurch überraschten anderen Deutschen. Deshalb wurden aus den verlachten Sachsen so schnell die verteufelten Sachsen. Deshalb wurden sie aus dem 08/15-Schema "Witzkiste" in das 08/16-Schema "Strafecke" geschoben. Deshalb sollen sie heute nicht dazu gehören, zu den Deutschen, noch weniger als damals, als Kurt Tucholsky sagte: "Neben den Deutschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner."Ist das richtig? Nein, völlig falsch. Denn die Sachsen wollen heute genau dasselbe wie früher. Sie wollen ernst genommen werden von allen anderen, von den nicht sächselnden Deutschen. Nicht zu wenig ernst, wie früher, und nicht zu sehr ernst, wie heute.

Vieles Seltsame an den Sachsen von heute ist von diesem Gefühl her zu verstehen. Das nahezu verzweifelte Bemühen der Sachsen drüben um die Anerkennung der Ulbrichtschen Regierung, das ist natürlich auch das Streben nach Bestätigung einmal errungener politischer Macht, aber das ist auch die ursächsische Sehnsucht, endlich einmal von den Deutschen ernst genommen zu werden. Wenn sie heute zackigere Soldaten sind als die Westdeutschen: sie wollen erst genommen werden. Wenn sie heute plötzlich sportlich werden: sie wollen ernst genommen werden. Wenn sie im westlichen Ausland Exportoffensiven starten: sie wollen wieder ernst genommen werden, wenigstens als das, was sie früher waren.

Denn sie waren doch früher wenigstens als Lieferanten bester deutscher Qualitätswaren bekannt. Auch dieses Ansehen haben sie in den letzten Jahren verloren.

Denn sie waren doch auch einmal für ihre Aussprache des Schriftdeutschen berühmt. Auch das ist längst perdu.

Wen wundert es da noch, daß viele Sachsen heute stolz auf ihren sächselnden Staatschef (Ulbricht) sind, die sonst diesen Kommunisten nicht ausstehen können?

Die Deutschen täten also gut daran, mit ihren Sachsen toleranter umzugehen. Ihnen endlich wieder ein bißchen Selbstgefühl zuzugestehen. Die Deutschen täten außerdem gut daran:

Vielleicht doch daran zu denken, daß der sächsische Dialekt nicht alberner klingt als der schwäbische, nicht gemeiner als der bayerische, nicht betulicher als das Hamburgische und nicht verkommener als der rheinische.

Vielleicht sich wieder darin zu erinnern, was diese Sachsen den Deutschen gegeben haben. In der Geistesgeschichte, in der Musik, in der Wirtschaft.

Vielleicht sogar einmal darüber nachzudenken. Sind die Sachsen nicht Deutschen versucht, durch Fleiß und Tüchtigkeit wieder Ansehen zu gewinnen, wie es die Deutschen nach dem zweiten großen verlorenen Krieg versucht haben?

Sind die Sachsen nicht heute in Deutschland so verfemt wie die Deutschen nach 1918 und kurz nach 1945 im Ausland? Sind die Sachsen nicht allesamt daran ebensowenig schuld wie die Deutschen allesamt? Sind die alle Imperialisten oder alle Nazis waren?

Das heißt: wie die Deutschen ausgeglichener geworden sind in den Jahren nach dem zweiten großen Krieg, weil die anderen ihnen verziehen haben, so werden die Sachsen eines Tages auch ausgeglichener werden, wenn die Deutschen ihnen verzeihen. Daß sie an der Mauer Wache schieben und im Westen auch mitreden wollen, daß sie so fleißig sind und ihr Sachsentum so gern und schnell verleugnen, daß sie eher zu unterwürfig als zu stolz sind – und daß sie sächseln.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken:

Sachsen, das sind Deutsche hoch zwei.

 

Sachsen sind und waren Sachsen

Johann Sebastian Bach
Michael Ballack
Peter Bamm
Max Beckmann
Inge Brandenburg
Hedwig Courths-Mahler
Kurt Desch
Gert Fröbe
Georg Friedrich Händel
Erich Kästner
die Kessler-Zwillinge
Thilo Koch
Theodor Körner
Ernst Kreuder
Rudolf Walter Leonhardt
Gotthold Ephraim Lessing
Bruni Löbel
Martin Luther
Karl May
Friedrich Nietzsche
Novalis
E. O. Plauen
Hermann Fürst Pückler
Joachim Ringelnatz
Ina Seidel
Walter Ulbricht
Richard Wagner
Herbert Wehner
Peter von Zahn
Heinrich Zille
Gerhard Zwerenz

siehe auch:
http://www.die-sachsen-kommen.de/shtm/menschen.htm